Skandale um die Körperkunst von Politikern sind selten, aber immer brisant. Kürzlich zog Graham Platter, ein progressiver Demokrat, der um einen Sitz im US-Senat für Maine kandidiert, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Seine Wahlkampagne, die zuvor die Unterstützung von Bernie Sanders gewonnen hatte, sah sich einem unerwarteten Hindernis gegenüber, als ein Video im Internet auftauchte, das sein langjähriges Brusttattoo enthüllte.
Symbole der Vergangenheit: Wie der „Totenkopf“ die Karriere beeinflusste
Der Vorfall ereignete sich, nachdem ein Video im Internet kursierte, in dem Platter auf der Hochzeit seines Bruders tanzte. Auf seiner Brust war deutlich ein Tattoo mit einem Totenkopf und gekreuzten Knochen zu sehen, bekannt als Totenkopf. Dieses Symbol, das historisch mit SS-Einheiten verbunden ist und weithin als neonazistisches Zeichen gilt, löste sofort eine Welle der Kritik aus und gefährdete die politische Zukunft des Kandidaten.
Platter beeilte sich, die Situation zu erklären, und behauptete, er habe das Tattoo in seiner Jugend als Marineinfanterist in Kroatien bekommen und sei alkoholisiert gewesen. Seiner Aussage nach war er sich der düsteren Assoziationen des „Totenkopfs“ nicht bewusst. Sobald ihm die Bedeutung des Symbols bekannt wurde, entschied er sich für ein sofortiges Cover-up. Um zu beweisen, dass das Hasssymbol entfernt wurde, veröffentlichte Platter ein Oben-ohne-Foto, das ein neues Design zeigte: ein keltisches Kreuz und einen Hund, die die alten Tinten vollständig überdeckten.
Tattoo-Kultur und die Last der Vergangenheit: Expertenanalyse

Graham Platters Geschichte mag für die politische Arena kurios erscheinen, ist aber in der Welt der Tattoos keineswegs einzigartig. Tausende von Menschen im ganzen Land wenden sich täglich an Tätowierer und Laserentfernungstechniker, um Symbole loszuwerden, die mit rechtsextremen oder kriminellen Ideologien verbunden sind. Ein Tattoo als permanenter Identitätsmarker wird oft zu einer unerträglichen Erinnerung an eine Vergangenheit, die man hinter sich lassen möchte.
Die Tattoo-Industrie hat dieses Problem längst erkannt und beteiligt sich aktiv an seiner Lösung. Es gibt zahlreiche nationale gemeinnützige Organisationen, die kostenlose oder vergünstigte Dienstleistungen zur Entfernung von „Hass-Tattoos“ anbieten. So hilft beispielsweise die kalifornische Organisation Jails to Jobs ehemaligen Gefangenen, ein neues Leben zu beginnen. Sie unterhalten einen Katalog mit über 300 Tattoo-Entfernungsprogrammen in 45 Bundesstaaten und mehreren Ländern und veröffentlichen Leitfäden für Gemeinschaften, die ähnliche Initiativen starten möchten.
Zu den Kunden dieser Programme gehören nicht nur ehemalige Mitglieder rassistischer Gruppierungen. Viele sind Opfer von Menschenhandel, häuslicher Gewalt oder Zwangsteilnahme an Banden. Ein erheblicher Teil der Gefängnistattoos trägt jedoch immer noch Spuren rassistischer Ideologie: Hakenkreuze, Runen oder kodierte Zeichen, die die Zugehörigkeit zu neonazistischen Bewegungen deklarieren. Die Anti-Defamation League (ADL) führt seit 2000 ein Verzeichnis solcher Symbole, und ihre Datenbank „Hate on Display“ umfasst bereits über 50 Seiten.
Die Grenze zwischen Veränderung und Verschleierung
Die Fachleute, die mit diesen Kunden arbeiten, stehen ständig vor einem ethischen Dilemma. Dustin Ortell, der das kostenlose Ink-nitiative-Programm bei der großen Kette Removery leitet, hebt das Hauptproblem hervor: „Es gibt eine große Sorge: Ändern sie sich wirklich oder verstecken sie sich nur?“
Das Ink-nitiative-Programm, das seit 2020 läuft, nimmt jährlich etwa 300 Personen auf, die nach sorgfältiger Auswahl, einschließlich Empfehlungsschreiben von Bewährungshelfern oder Psychologen, ausgewählt werden. Ortell behauptet, seine Erfahrung erlaube es ihm, aufrichtige Reue von dem Versuch der Verschleierung zu unterscheiden.
„Ich habe ein gutes Gespür. Wenn man sich die Dokumente und Briefe von Anwälten ansieht, kann man sehen, woher die Person kommt, und das mit den Markierungen auf ihrer Haut vergleichen“, kommentiert Ortell. Vor jeder Behandlung führt er tiefgehende Gespräche mit den Kunden über ihren Lebensweg und die Gründe, die sie dazu bewogen haben, ihre alten Überzeugungen aufzugeben. Diese Gespräche sind oft äußerst emotional: „Ich weine mit den Menschen“, gesteht er.
Kate Widners unvoreingenommener Ansatz
In Oregon verfolgt Kate Widener, eine erfahrene Kosmetikerin und Inhaberin von Undo Tattoo and Laser in Gresham, einen anderen, sanfteren Ansatz. Sie führt durchschnittlich etwa 70 Tattoo-Entfernungs-Sitzungen pro Woche durch, von denen etwa 25 % auf ihr kostenloses Programm entfallen. Widener verlangt von den Kunden keine Fragebögen oder Empfehlungsschreiben.
„Das ist invasiv, und das mag ich nicht“, sagt sie über die Bürokratie. „Ich garantiere Vertraulichkeit und keine Verurteilung. Es reicht zu sagen: ‚Bitte helfen Sie mir‘, und ich beginne das Gespräch.“ Dieser Ansatz hat sie unglaublich beliebt gemacht und zieht Kunden an, die stundenlang aus abgelegenen Orten wie Seattle oder Idaho zu ihr kommen.
Widener leugnet jedoch nicht, dass sie manchmal auf diejenigen trifft, die ihre Überzeugungen nicht aufgegeben haben. „Ich habe einen Kerl, der nur sein Gesicht tätowieren lässt, aber alles unter dem Hals behält“, erzählt sie. „Mehr als dreißig Hakenkreuze, die vom Hals abwärts gehen. Also ja, viele Leute verstecken einfach, wer sie wirklich sind.“
Die meisten Kunden sind jedoch aufrichtig dankbar. Widener betont die Intimität des Entfernungsprozesses: „Viele erzählen von sich. Ich spüre, ob sie es aus den richtigen Gründen tun, oder vielleicht aus den falschen, und das macht mich vorsichtiger.“
Liebe gegen Hass: Motivation zur Reinigung
Was bringt Menschen dazu, ihre Überzeugungen zu ändern? Die Antworten sind oft einfach und zutiefst persönlich. „Manchmal passiert es, weil sie sich verlieben“, teilt Widener mit. „Ich hatte Kunden, überzeugte weiße Suprematisten, die sich später in farbige Menschen verliebten.“
Einer ihrer Lieblingskunden wuchs in einer rassistischen Familie auf und hinterfragte seine Ansichten nie, bis er eine interrassische Beziehung einging. „Sie öffnete ihm die Augen für viele Dinge“, sagt Widener. „Er kommt alle sechs Wochen pünktlich und weint jedes Mal und erzählt, wie sehr es sein Leben verändert hat. Jetzt hat er ein Kind und möchte ein Cover-up machen, um seinen Sohn, der ein Mischling ist, zu ehren.“
Politischer Hintergrund und Nachfragedynamik
Das Interesse an der Entfernung von Hasssymbolen ist untrennbar mit dem gesellschaftspolitischen Klima verbunden. Nach den rechtsextremen Kundgebungen in Charlottesville im Jahr 2017 gab es einen Anstieg der Anfragen, da viele ehemalige Anhänger sich von den zu prominent gewordenen Gruppierungen distanzieren wollten. Ein ähnlicher Anstieg des Interesses wurde nach der Ermordung von George Floyd im Jahr 2020 und den darauffolgenden internationalen Protesten verzeichnet. Dies deutet auf ein klares Muster hin: Wenn Hassverbrechen Schlagzeilen machen, wollen Menschen mit einer rassistischen Vergangenheit dringend Erinnerungen loswerden.
Kate Widener stellt jedoch fest, dass die Nachfrage nach ihren kostenlosen Dienstleistungen bei Trägern von Hasssymbolen in letzter Zeit zurückgegangen ist, was sie auf politische Einflüsse zurückführt. „Bevor Donald Trump an die Macht kam, hatte ich viel mehr Leute, die ihr weißes Suprematisten-Vergangenheit löschen lassen wollten. Und dann, als Trump wiedergewählt wurde, rief mich jemand an und sagte, sie müssten nichts mehr löschen lassen.“
Gleichzeitig haben andere Fachleute keinen Rückgang bemerkt. Lorenzo Diaz, ein Tätowierer bei Ruby Tattoo in Marin City, Michigan, beschäftigt sich seit 17 Jahren mit Cover-ups von Hass-Tinte. Er stellt fest, dass er mindestens drei bis vier große, dunkle Cover-ups pro Woche durchführt und sein Kundenstrom stabil bleibt.
Bisher bleibt Widener unvoreingenommen, schließt aber zukünftige Änderungen nicht aus. Sie gibt zu, dass sie darüber nachdenkt, wie sie vorgehen soll, wenn beispielsweise ICE-Beamte mit kleinen Symbolen zu ihr kommen. „Ich habe persönlich in meiner Gegend gesehen, welchen Schaden sie den Menschen zufügen. Ich verurteile immer noch nicht und nehme jeden auf, aber ich weiß nicht, was die Zukunft bringt“, schließt sie und betont, dass Ethik auch in der Welt der Tattoos eine Frage der ständigen Neubewertung bleibt.