„Tattoo-Hexe“: Wie eine Künstlerin aus Vietnam Narben in Oscar-würdige Kunst verwandelt

In der Welt der Tätowierungen gibt es Meister, deren Kunst weit über die Ästhetik hinausgeht. Die vietnamesische Künstlerin Tran Ngoc aus Hanoi ist eine davon. Sie bringt nicht nur Tinte auf die Haut auf; sie betreibt tiefgreifende Transformation, indem sie die physischen und emotionalen Narben ihrer Kunden in starke Symbole der Schönheit und Widerstandsfähigkeit verwandelt. Ihre einzigartige Praxis bildete die Grundlage für den Kurz-Dokumentarfilm „They Call Me the Tattoo Witch“ (Sie nennen mich die Tattoo-Hexe), der bereits auf internationalen Festivals Anerkennung fand und zu den Anwärtern für den Oscar gehört.

Tran Ngoc wurde in ihrem Land durch ihre ungewöhnliche Leinwand berühmt: Sie arbeitet direkt mit Narben, die die meisten Tätowierer meiden. Anstatt die Male zu kaschieren oder zu verstecken, untersucht Ngoc deren Form, Textur und Geschichte und integriert sie in das Design. Dadurch wird die Narbe selbst zu einem integralen Bestandteil des Kunstwerks.

Tattoo-Therapie: Wenn Tinte zur Sprache der Heilung wird

Tätowiererin mit langen blonden Haaren sticht ein filigranes florales Tattoo auf den Arm einer Kundin in einem schwarzen Sporttop.

In einer Kultur, in der sowohl Tätowierungen als auch Narben oft ein starkes soziales Stigma tragen – besonders relevant in konservativen asiatischen Gesellschaften wie Vietnam –, ist Tran Ngocs Arbeit ein Akt des stillen Aufstands und der tiefen Selbstakzeptanz. Sie löscht die Vergangenheit nicht aus, sondern hilft den Kunden, sie anzunehmen, indem sie die Quelle des Schmerzes in ein Symbol der Stärke und Wiedergeburt verwandelt.

Darin liegt der Expertenkontext ihrer Arbeit: Es ist nicht nur eine ästhetische Korrektur, es ist eine Form der Psychotherapie durch Body Art. Das über die Narbe gestochene Tattoo gibt dem Menschen die Kontrolle über seinen eigenen Körper und seine Geschichte zurück. Ngocs Studio wird zu einem Raum, in dem Menschen dem, was ihnen Schmerz zugefügt hat, begegnen und es in etwas verwandeln können, das sie selbst gewählt haben.

„Tran Ngoc verwandelt Narben in Kunst, indem sie buchstäblich mit dem Narbengewebe arbeitet, das die meisten Künstler meiden“, heißt es in der Filmzusammenfassung. „Durch die intimen Geschichten ihrer Kunden zeigt ‚They Call Me the Tattoo Witch‘, wie Tinte zur Sprache der Heilung, Wiedergeburt und Selbstachtung werden kann.“

Von der Forbes-Liste zum Oscar-Shortlist

Nahaufnahme einer jungen Frau mit braunen Haaren und braunen Augen, die vor hellem Hintergrund lächelt.

Die Regisseurin und Produzentin Lindsay Nyman, Absolventin der School of Theater, Film and Television der University of California, Los Angeles (UCLA), erfuhr zum ersten Mal von Tran Ngoc, als diese es in die Forbes-Liste „30 Under 30 Asia“ schaffte. „Unter Innovatoren in Technologie und Finanzen war sie da – eine Tätowiererin aus Hanoi, die Narben in Kunst verwandelt. Ihre Arbeit hat mich tief beeindruckt“, erklärt Nyman.

Laut der Regisseurin interessierten sie nicht die Tattoos selbst, sondern das, wofür sie standen: eine persönliche Methode, Menschen zu helfen, sich selbst neu zu sehen. Nyman betont, dass ihr Ziel darin bestand, einen Film nicht über den Tätowierungsprozess, sondern über den Prozess der „Reklamation“ zu drehen – die Rückgewinnung des Rechts auf den eigenen Körper und die eigene Geschichte.

Der Film „They Call Me the Tattoo Witch“ wurde bereits mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, was die Aktualität und emotionale Tiefe des behandelten Themas bestätigt:

  • Bester Dokumentar-Kurzfilm beim City of Angels Film Festival.
  • Bester Dokumentar-Kurzfilm und Beste Kameraführung beim Worldwide Women’s Film Festival in Phoenix, AZ.
  • Bester Dokumentar-Kurzfilm beim Carmarthen Bay Film Festival in Großbritannien (UK).

Lebensverändernde Geschichten

Schwarz-weiße Konturillustration einer Frau mit gewelltem Haar und Blazer, vermutlich der Künstlerin oder einer Protagonistin des Dokumentarfilms.

Im Film lernt der Zuschauer die persönlichen Geschichten von Ngocs Kunden kennen. Besonders berührend ist das Beispiel einer Frau, die Brustkrebs überlebt hat. Jahre nachdem die Tätowierungen über ihre Operationsnarben gestochen wurden, kehrte sie zu Ngoc zurück, um zu erzählen, wie diese Kunst ihr Leben verändert hat. „Zu sehen, wie viel leichter sie geworden war, war zutiefst bewegend. Es ist eine Erinnerung daran, dass Heilung viele Formen annehmen kann, und manchmal kann etwas so Unerwartetes wie eine Tätowierung dazu führen, dass sich ein Mensch wieder ganz fühlt“, sagt Nyman.

Ngocs Arbeit ist nicht nur künstlerisches Können. Sie hilft Kunden, sich selbst in einem neuen Licht zu sehen, indem sie die Vergangenheit nicht auslöscht, sondern annimmt. Schon der Filmtitel – „They Call Me the Tattoo Witch“ – spiegelt die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz dieser Kunst wider und deutet an, dass eine Arbeit, die Körper und Geist heilt, von der Gesellschaft immer noch als etwas Marginales oder gar Magisches angesehen wird.

Die weibliche Perspektive hinter der Kamera

Konturzeichnung eines weiblichen Arms mit einem eleganten schwarz-weißen Tattoo eines Zweiges mit Blumen und Beeren am Bizeps.

Lindsay Nyman wählte nicht nur ein einzigartiges Thema, sondern durchbrach auch unausgesprochene Regeln der Filmproduktion in der Region. Für die Dreharbeiten in Hanoi stellte sie ein rein weibliches Filmteam zusammen, was nach ihren eigenen Angaben in der lokalen Industrie fast unerhört ist.

Zum Team gehörten: Kamerafrau Katie Eleneke, Cutterin Marilyn Phạm Dacusin, und die Musik wurde von Mark Hollingsworth komponiert.

Nyman bemerkte, dass die Atmosphäre der „Hierarchie-los, nur Zusammenarbeit“, die das Frauenteam schuf, alles veränderte. Die Empathie und Neugier, die jedes Teammitglied einbrachte, prägten, wie sie zuhörten und wie sie jeden Frame komponierten. Das Ergebnis ist ein Film, der nicht nur die Geschichten der Frauen vor der Kamera, sondern auch derer widerspiegelt, die hinter ihr standen.

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